Angel Lertxundi

Angel Lertxundi
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Anjel Lertxundi (Orio, 1948) studierte Philosophie und Literaturwissenschaften in Donostia-San Sebastián, Rom und Valencia. Lange Jahre hat er eine Lehrtätigkeit ausgeübt und ist als Journalist tätig gewesen. Von 19821985 war er Präsident des Baskischen Schriftstellerverbands (Euskal Idazleen Elkarteko). Sein Beitrag zur Literatur ist umfassend: Mehr als 30 Jugend- und Kinderbücher (Tröstungsmaschine , 1981; Logbuch vom Festland, 1998...), interessante Essays (Solange wir Hoffnung haben, 2001...), bedeutende Erzählungen (Bis in die Nacht, 1970; Einfach reichtest du mir die Hand, 1980; und Im Namen des Teufels, 1995...) und eine große Zahl von Romanen. Das literarische Schaffen von Lertxundi ist geprägt von der konstanten Suche nach seinem poetischen Ich. So markiert zum Beispiel Bis in die Nacht für einige den Beginn der modernen baskischen Erzählung. Darin ist der Einfluss des südamerikanischen Magischen Realismus und des Absurden Theaters spürbar.

Danach kam 1971, mit Besorgnis in Urturik, ein allegorischer Roman, und mit seinem autobiografischen Roman Obere Straße (1973) näherte er sich neorealistischen Fragestellungen. Unter den baskischen Lesern hatte 1983 der Roman Es geschah in der Sechzehnten einen unglaublichen Erfolg und unter der Leitung des Schriftstellers wurde aus dem Roman ein Kinofilm. Thema sind die Geschehnisse um eine beängstigende Wette, und wie der Autor in einem Interview erzählte, wollte er mit dem Roman, die Komplizenschaft mit der Brutalität dieser Begebenheiten anklagen. Die Geschichte spielt in einem bäuerlichen Milieu, doch der Autor entzieht sich der gewöhnlichen Darstellung dieser Atmosphäre, und er benutzt eine wirklich moderne Form des Erzählens. (Cf. Pavese).

Nach diesem Roman, wandelte sich seine Art zu schreiben tiefgreifend und er nahm uns auf eine intertextuelle Reise mit, die von vielen poetischen Traditionen genährt wird, zum Beispiel in seinem erfolgreichen Roman Otto Pette: im Tod wie im Leben (1994), mit dem er Finalist für den bedeutenden Premio Nacional de Narrativa Spaniens war. Dieser Roman, der großen stilistischen Reichtum aufweist, beginnt mit dem verblüffenden Auftauchen eines Unbekannten in der Tür von Otto Pette. Obwohl es sich nicht um einen historischen Roman handelt, sind die geschilderten Personen, die Geschehnisse und das Ambiente allgemein im Mittelalter angesiedelt. Für dieses Werk war eine beachtliche dokumentarische Forschungsarbeit des Autors nötig.

Da sind zum Beispiel die Referenzen auf die Pest im XIV Jahrhundert (basierend auf D. Defoes A Journal of the Plague Year [1722]), bekannte literarische Motive (Totentanz) oder die Erwähnung von Fiammeta. Im Zyklus Kehrseiten, der 1995 beginnt, macht er sich auf seinem literarischen Weg authentische baskische (und deshalb universelle) Traditionen und andere universellere (deshalb auch baskische) Traditionen zueigen: so mit der Erzählung Im Namen des Teufels im Umfeld von Teufelsmythos und Faust; mit Ein Ende für Nora (1996) einem fantastischen Roman; mit dem Metaroman Tage aus Wachs gewann er 1999 den bedeutendsten Baskischen Literaturpreis, der von der baskischen Regierung gestifteten wird; und mit Verse von Straßenecken (1996) einer Sammlung von Legenden, Mythen und Volkliedern.

Der Roman Ein Ende für Nora zieht den Leser sofort in seinen Bann. Die Protagonisten durchstreifen auf einer fantastischen Reise 300 Jahre lang die Ebenen von Europa und Amerika, während deren sich Legenden, Geschichte und Literatur vermischen. In dem Roman Tage aus Wachs (1998) reflektiert Lertxundi über das Schreiben, den Tod und den Wahnsinn. Er benutzt dafür die Ressourcen der Metafiktion. Wir haben für diese Zeitschrift einen Ausschnitt aus seinem letzten Roman, Perfektes Glück (2003), ausgewählt. Es ist ein realistischer, in lyrischem Ton verfasster Roman, der über die Erschütterung und innere Zerbrochenheit eines 16-jährigen Mädchens erzählt, das Zeugin eines Attentates wird. In Ich-Form beschreibt uns das Mädchen den Vorfall 14 Jahre danach, und kontinuierlich wird in einer Art Beichte in diesem moralischen Roman zwischen zwei Zeitebenen hin- und hergewechselt. Wir sagen moralisch (nicht moralisierend), denn Lertxundi hat mit dieser aufwühlenden Geschichte den klaren Versuch unternommen, ein unbewusstes perfektes Glück anzuklagen, indem er uns im Angesicht dieses Grauens postiert.


M.J. Olaziregi. Übersetzt aus dem Baskischen von Ralf Streck.











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