Andrej Nikolaidis - Montenegro

So viel Zeit für so wenig Dinge
Von Andrej Nikolaidis, aus dem Montenegrinischen von Will Firth

Erst kurz vor Tagesanbruch schlief er ein. Die ganze Nacht war er kreuz und quer durch die leeren Hallen gelaufen, ohne auch nur einen Augenblick der Ruhe zu finden. Nicht einmal die Glaskästen mit exotischen Tieren konnten das ändern, vor denen er sich früher gerne die glücklichen Wendungen ausmalte, die sein Leben hätte nehmen können, wenn er sich in diesem oder jenem Moment nur anders verhalten hätte... Die nächtlichen Runden, wie er sie seit dreißig Jahren als Wachmann im Naturkundemuseum machte, führten ihn durch stille, kalte Gänge, dunkle Kammern und den schrecklichen Keller. Aber egal wo er entlanglief und egal wo er seine Zigarettenpausen einlegte, überall begleitete ihn in dieser Nacht eine bis dahin unbekannte Unruhe.

Menschen, die klagten, nicht genügend Zeit zu haben, konnte er nie verstehen. So viel Zeit für so wenig Dinge – das ist mein Los. Dieser Gedanke beschäftigte ihn die ganze Nacht hindurch, wie der Refrain eines Lieds, den man im Vorbeigehen aufschnappt und nachher nicht mehr aus dem Kopf kriegt, wie ein Echo in einem leeren Raum, dessen Anwesenheit man noch spürt, wenn es verhallt ist.

Ihn weckte die Hitze des Morgens, die durch die dunklen, schweren Vorhänge drang. Auf der Suche nach dem Stoff für die Vorhänge hatte Stanka ganze Tage verbracht. Während sie sie nähte, glich sie einem Mädchen – so fröhlich, so lieblich. Das war Stanka: ein Mädchen im schweren Körper einer Frau. Alles, was in seinem Dienstzimmer zu sehen war, hatte sie besorgt. Als wäre es ein weiteres Zimmer ihres gemeinsamen Hauses.

Du lebst ja nachts dort“, meinte sie. „Solang ich es schaffe, wirst du es sauber und ordentlich haben“.

Er hatte nicht immer auf der Arbeit geschlafen. Nein: Er war ein guter, gewissenhafter Arbeiter. Aber seitdem Stanka erkrankt war, arbeitete er tagsüber auf der Baustelle. Daher brauchte er die Nächte zum Schlafen. Morgens ging er direkt vom Museum zur Baustelle und von dort zum Krankenhaus, um Stanka zu besuchen. So lief es seit Monaten. Noch einige Tage dieser Routine, und dann würde er eines Nachmittags vom Krankenhaus zum Friedhof gehen. Er würde hinter Stankas Sarg herlaufen und nichts wäre mehr wichtig. Vom Friedhof ginge er dann zum Museum und würde seine Runden drehen, wie so viele Male bisher: er, der Mann im Wald der ausgestopften Tiere. Es sah so aus, als würde alles so bleiben wie bisher. Würde es auch, aber er könnte es nicht mehr ertragen. Als man ihm mitteilte, Stanka würde sterben, spürte er zum ersten Mal diese Schwäche. Als hätte er keine Kraft mehr zum Leben. Wenn Stanka stirbt, wusste er, würde er alles Lebensnotwendige nicht mehr bewältigen können.

Man musste mit so viel fertig werden, um zu leben: Es gab so viel Erniedrigung, Leid und Ungerechtigkeit, sowohl das, was andere uns antun, als auch das, was wir ihnen antun. So viel sollen wir anderen geben, und es bleibt so wenig für uns, das ist die ganze Wahrheit. Wäre er ein anderer gewesen, hätte Stanka vielleicht überleben können – so war es doch. Ein anderer hätte Freunde gehabt, die zu helfen bereit und in der Lage gewesen wären. Ein anderer hätte mehr verdient und sich nicht mit einer schlecht bezahlten Stelle zufrieden gegeben. Wäre er ein anderer gewesen, würden er und Stanka nicht in Armut leben, und sie hätte nicht trotz ihrer fragilen Gesundheit und ihres Alters putzen gehen müssen. Wäre er ein anderer gewesen, hätte sie nicht auf kalten Fußböden knien müssen und hätte sich nicht die Entzündung geholt, die, ungeheilt, sie schließlich umbringen würde. Ein anderer hätte Geld für Ärzte gehabt, die mehr für sie tun könnten – wenn Stanka bloß die Frau eines anderen Mannes gewesen wäre, nicht die eines Nachtwächters. Jetzt schuftete er bis zur Erschöpfung auf der Baustelle und gab alles, was er verdiente, für die Behandlungen aus. Das war das Beste, was er tun konnte. Ein anderer hätte viel mehr gekonnt. Früher oder später wird auch unser Bestes nicht reichen. Am Ende verschlingt uns das Leben. Und wenn es uns schluckt, gibt es niemanden, der uns retten könnte: Dort, wo einst unsere ganzen Bekannten standen, ist niemand mehr – keine helfende Hand – nur schimmernde Augen im Dunkeln, dachte er.

Ihm fiel ein, dass er Tanja nochmal anrufen sollte. Als er sie das erste Mal angerufen hatte, war sie unwirsch gewesen, wie Tanja sein konnte.

„Warum rufst du mich an?“ hatte sie geschnaubt.

„Deine Mutter ist schwer krank“, sagte er.

„Zehn schöne Jahre habe ich von euch nichts gehört. Du hättest nicht anrufen dürfen“.

„Deine Mutter liegt im Sterben“, betonte er.

„Als ich ausgezogen bin, oder genauer gesagt: Als ihr mich mit eurer Primitivität und Dummheit gezwungen habt, auszuziehen – was habe ich euch damals gesagt?“

„Dass du uns nicht anrufen wirst, und dass wir dich nicht anrufen dürfen“, entsann er sich.

„Genau. Und was ist das jetzt?!“

„Deine Mutter liegt im Sterben.“

Ich sagte: Ich werde niemals anrufen, und ihr ruft niemals an!“ prustete sie und legte auf.

Die Entschiedenheit, mit der sie das Wort „niemals“ ausgesprochen hatte, war ihm im Sinn geblieben und er verzichtete auf einen zweiten Anruf.

Er schaltete den Fernseher ein und wechselte zum Animal Channel. Es lief eine Sendung über den „ewigen Hass zwischen Löwen und Hyänen“, wie der Sprecher es nannte. Es war Nacht, irgendwo in Afrika. Die Kamera folgte einem männlichen Löwen. Er schlich durch die Dunkelheit, bis er im Dickicht ein Hyänenjunges bemerkte. Vergeblich versuchte das Jungtier zu fliehen; es jaulte vergeblich nach seiner Mutter, die in dem Augenblick wahrscheinlich in einem anderen Gestrüpp den Nachwuchs eines anderen Tiers zerriss. Der Löwe tötete das Hyänenjunge langsam und genoss die Qualen des zwischen seinen Zähnen zuckenden Körpers. Der Todeskampf dauerte fünf Minuten, berichtete der Sprecher. Als die Leiche des Jungtiers kalt wurde, spuckte sie der Löwe hinaus. Er leckte die Tropfen jungen Blutes vom Rande seiner braunen Lippen. Dann kratzte er den Boden mit den Krallen seiner Hinterbeine – er wollte seine Signatur hinterlassen, erklärte der Kommentator. Bevor der König der Tiere in die Nacht entschwand, ließ er einen Urinstrahl auf das tote Junge ab.

In der nächsten Szene sah er Hyänen, die aus der Dunkelheit kamen und die Leiche umkreisten. Wenige Sekunden später versenkten sie ihre scharfen Zähne in das Fleisch. Für die Hyänen ist Kannibalismus etwas Natürliches, sagte der Sprecher.

Kinderstimmen vor dem Museum warnten den Wächter, dass es bereits acht Uhr war. Die Zöglinge der benachbarten Schule waren zum Besuch angetreten. Er schaltete den Fernseher aus und wechselte schnell von der Uniform in seine Latzhose. Als er das schwere Eingangstor aufschob, standen vor ihm, wie ein Ameisenbataillon in Reih und Glied, strahlend Kinder in der Septembersonne. Guten Morgen, rief die Lehrerin und lächelte ihm zu. Guten Morgen, wiederholte nach ihr der Chor von Kinderstimmen. Guten Morgen, sagte er und hieß sie eintreten.

Er drehte sich um und schaute noch einmal ins Innere des Museums, zu all den wie Gemälde in einer Ausstellung hinter Glas präsentierten Pflanzen und Tieren. Die Kinder scharten sich um den Schwarzbär und bestaunten seine gebleckten Zähne.

„Was haben wir gesagt: Welche drei wichtigen Dinge müssen wir über die Natur wissen?“ fragte die Lehrerin.

„Alles in der Natur ist im Gleichgewicht. Alles in der Natur hat einen Grund. Man soll von der Natur lernen“, deklamierten die Kinder.

Er zündete sich eine Zigarette an. In der Entfernung sah er die Kräne der Baustelle, wo er einen weiteren Tag verbringen würde. Die Stahlkonstruktionen sahen aus wie die Fangarme eines Insekts, das sich auf seine Beute stürzt. Während er durch den Park zum Busbahnhof lief, wurden die Geräusche des Morgens immer lauter. Das Geschrei der Menschen, das Brummen der Autos, das Piepen der Geldautomaten, die Melodien der Handys und das Glockengeläut der Kirche vermischten sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Die Stadt brüllte.







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