Christos Chrissopoulos - Griechenland

Istanbul vice versa
Von Christos Chrissopoulos, aus dem Englischen von Antje Kleine-Wiskott

The journey is always lived in recollection.
[C. Chrissopoulos. The Language Box]

What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.

[T.S. Eliot, No. 1 of Four Quartets]


Den ganzen Tag lief ich mit hellwachen Sinnen den feuchtkalten Gehweg entlang. Mal nahm ich ein Taxi, um weiterzukommen, mal die Straßenbahn. Ich hörte Geschichten, sah Gesichter, traf Menschen. Ich war unruhig, neugierig und erschöpft. Meine Umgebung war eine konfuse Matrix aus Ausgangs- und Zielpunkten. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, all das Gesehene, nicht sofort wieder zu vergessen. Die Stadt war mir fremd. Und ich sagte mir: Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge behalten.

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Die Lautsprecherboxen oben auf dem Dach des kleinen Lkws waren mit einem CD-Spieler verbunden. Zwei Männer saßen vorne auf den Kotflügeln und rauchten Zigaretten. Als das Lied über den Platz hallte, hörten die Kinder auf zu spielen. Die Kinder scharten sich um das Auto und bewunderten die großen schwarzen Boxen. Ein Junge, etwa sechs Jahre alt, trat aus der Menge hervor. Er war ein wenig untersetzt, hatte volles, schwarzes Haar und kräftige Arme. Mit romantisch-verträumter Miene schloss er die Augen und fuchtelte in der Luft herum,als würde er mit einer Partnerin tanzen. Sein verschmitztes Lächeln im Gesicht ließ vermuten, dass er jeden Moment in Lachen ausbrechen würde. Die anderen Kinder klatschten Beifall. In dem schwachen Licht sah der Junge zwergenhaft aus, wie ein kleinwüchsiger Erwachsener. Jemand stellte ihm ein Bein, so dass der Junge stolperte. Mit aufgerissenen Augen landete er auf den Knien und brüllte vor Wut und Lachen gleichzeitig. Er stand sofort wieder auf und stürzte sich auf den Jungen, der ihn zu Fall gebracht hatte. In diesem Moment setzte sich die Straßenbahn in Bewegung und das ganze Bild verschwamm in meinem Gedächtnis: Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge behalten.

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Ein teures, weißes Auto kam um die Ecke gefahren, kämpfte sich durch die Menge auf der Straße und fuhr auf die Bordsteinkante. Der Fahrer stieg aus und öffnete die hintere Wagentür. Als sie aus dem Auto stieg, hob sie die Hand, doch nicht schnell genug, um das dunkelrote, unförmige Muttermal auf ihrer linken Wange zu verbergen. Es begann unter ihrem Auge und lag wie ein langes, pelziges Tier quer über der ganzen Gesichtsseite. Mit geübter Handbewegung zündete sie sich eine Zigarette an und verdeckte so das Muttermal. Sie drehte sich um und ging die Stufen zum Restaurant hinauf. Als sie sich umdrehte, bekam ich die rechte Seite ihres Gesichts zu sehen. Die Frau verkörperte das perfekte Profil einer Kamee, makellos, mit einer außergewöhnlichen Nase und einem bezaubernd geformten Kinn. Beschämt senkte ich den Kopf und schaute auf meinen Teller.

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Der Kampf lief nahezu geräuschlos ab. Die beiden Männer stolperten aufeinander zu, konnten kaum das Gleichgewicht halten. Und als der eine den anderen am Ellbogen oder Handgelenk traf, torkelte dieser umher, verzweifelt bemüht, in Balance zu bleiben. Selbst feste Schläge landeten auf den sich krümmenden Körpern mit einer eigenartigen Sanftheit. Wie in einem wunderschönen Zeitlupen-Ballett bearbeiteten sich die Männer im gedämpften Licht, stolperten und fielen, rutschten die Wände entlang, stießen das ein oder andere Mal zusammen und torkelten mit langsam wedelnden Armen rückwärts. Einer der beiden – der im weißen Hemd – wich vorsichtig zurück, wie in einem Boxring. Mit der linken Hand stieß er in die Luft, während er sich mit dem rechten Daumen über die Nase strich und sich schnäuzte. Sein Gesicht bekam plötzlich harte Züge. Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge behalten: Seine Augen wurden ganz schmal und plötzlich bewegte er sich langsam auf den Gegner zu. Der andere Mann starrte ihn fasziniert an, die Arme fest am Körper, beeindruckt von der Wendung der Ereignisse. Auf einmal fiel er seitwärts in einen Stuhl, mit einer Geste des Aufgebens. Der Mann im weißen Hemd stand regungslos da. Er sah nichts weiter vor sich als die nackte Wand, doch völlig befreit und mit entschlossener Kraft schlug er auf sie ein. In meinem Kopf konnte ich beinahe das Knacken der brechenden Knochen hören. Bedrohlich näherte sich der eine dem anderen Mann, der sich sofort erhob, doch der Kampfeswille war erloschen. Die Kämpfer rutschten auf dem nassen Boden aus und fielen aufeinander. Der Kampf schien kein Ende zu nehmen – die Passanten verloren das Interesse. Die ganze Szene erschien nun schemenhaft und unwirklich und endete irgendwann im Nichts, bis beide Männer schwer atmend Schulter an Schulter standen und sich gar nicht mehr richtig erinnern konnten, wie das alles angefangen hatte.

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Der Verkehr auf der Küstenstraße bewegte sich in schnellen Schüben von einer Ampel zur nächsten, wie ein Schwarm ordnungsliebender Vögel. Die schnelleren Fahrer scherten aus, ordneten sich wieder ein, und kamen so von Ampel zu Ampel um ein paar Positionen nach vorne. Die Autos vor uns bewegten sich rhythmisch und ihre Rückleuchten blinkten beim Bremsen eine nach der anderen vor uns auf. An einer Ampel bei einem kleinen Park hielten wir an, und eine kleine Gruppe älterer Männer kam zwischen den Bäumen hervor. Sie stellten sich direkt neben unser Auto. Einer von ihnen trug Bademantel und Schlappen. Aus seiner Tasche lugte ein Flaschenhals hervor. Sie alle schienen leicht betrunken und starrten uns herausfordernd an. Der Mann mit dem Bademantel zog die Flasche aus der Seitentasche und schraubte den Verschluss auf. Er führte sie an den Mund, seine zornigen Augen weiter auf uns gerichtet. Als er den Kopf in den Nacken warf, zog sich das faltige Fleisch an seinem Hals glatt. Das Licht sprang auf grün und der Wagenpulk setzte sich wieder in Bewegung.

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Ich hielt ihre Hand und half Helen den großen Felsen herab. Hinter uns hörten wir noch das schrille Surren der Reifen auf der Küstenschnellstraße, doch vor uns lag nur das Meer und die in der Ferne liegende Brücke über den Golf. Nicht weit vom Ufer lag ein Fischerboot fast regungslos im Meer und warf einen dunklen Schatten, der auf dem Wasser schwebte. Am Himmel waren zwei Flugzeuge zu sehen, die sich nur ganz langsam bewegten. Sie schienen wie zwei winzige, sich spiegelnde Triangel am Ansatzpunkt eines perfekten, immer länger werdenden Wasserdampfschweifes in hellstem Weiß. Sie schienen wie zwei winzige Dreiecke am Anfang eines perfekten, immer länger werdenden Wasserdampfschweifes in hellstem Weiß: Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge behalten. Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge aufschreiben: Sie schienen wie zwei winzige, sich spiegelnde Dreiecke am Anfang eines perfekten, immer länger werdenden Wasserdampfschweifes in hellstem Weiß. Am Himmel waren zwei Flugzeuge zu sehen, die sich nur ganz langsam bewegten. Nicht weit vom Ufer lag ein Fischerboot fast regungslos im Meer und warf einen dunklen Schatten, der auf dem Wasser schwebte. Hinter uns hörten wir noch das schrille Surren der Reifen auf der Küstenschnellstraße, doch vor uns lag nur das Meer und die in der Ferne liegende Brücke über dem Golf. Ich hielt ihre Hand und half Helen den großen Felsen hinauf.

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Als er den Kopf in den Nacken warf, zog sich das faltige Fleisch an seinem Hals glatt. Der Mann hatte die Flasche aus der Seitentasche genommen und den Verschluss aufgeschraubt. Er hatte sie an den Mund geführt, seine zornigen Augen weiter auf uns gerichtet. Sie schienen leicht betrunken und starrten herausfordernd auf unser Auto. Sie stellten sich direkt neben unser Taxi. Einer von ihnen trug Bademantel und Schlappen. Aus seiner Tasche lugte ein Flaschenhals hervor. An einer Ampel bei einem kleinen Park hatten wir angehalten und eine kleine Gruppe älterer Männer war zwischen den Bäumen hervorgekommen. Das Licht sprang auf grün und der Wagenpulk setzte sich wieder in Bewegung. Die Autos vor uns bewegten sich rhythmisch und ihre Rückleuchten blinkten beim Bremsen eine nach der anderen vor uns auf. Die schnelleren Fahrer scherten aus, ordneten sich wieder ein, und kamen so von Ampel zu Ampel um ein paar Positionen nach vorne. Der Verkehr auf der Küstenstraße bewegte sich in schnellen Schüben von einer Ampel zur nächsten, wie ein Schwarm ordnungsliebender Vögel.

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Die ganze Szene erschien nun schemenhaft und unwirklich und endete irgendwann im Nichts, bis die beiden Männer schwer atmend Schulter an Schulter standen und sich gar nicht mehr richtig erinnern konnten, wie das alles angefangen hatte – die Passanten verloren das Interesse. Die Kämpfer rutschten auf dem nassen Boden aus und fielen aufeinander. Der Kampf schien kein Ende zu nehmen. Bedrohlich näherte sich der eine dem anderen Mann, der sich sofort erhob, doch der Kampfeswille war erloschen. Er sah nichts weiter vor sicher als die nackte Wand, doch völlig befreit und mit entschlossener Kraft schlug er auf sie ein. In meinem Kopf konnte ich beinahe das Knacken der brechenden Knochen hören. Der Mann im weißen Hemd stand regungslos da. Auf einmal fiel er seitwärts in einen Stuhl, mit einer Geste des Aufgebens. Der andere Mann starrte ihn fasziniert an, die Arme fest am Körper, beeindruckt von der Wendung der Ereignisse. Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge aufschreiben: Sein Gesicht bekam plötzlich harte Züge. Seine Augen wurden ganz schmal und plötzlich bewegte er sich langsam auf den Gegner zu. Mit der linken Hand stieß er in die Luft, während er sich mit dem rechten Daumen über die Nase strich und sich schnäuzte. Einer der beiden – der im weißen Hemd – wich vorsichtig zurück, wie in einem Boxring. Wie in einem wunderschönen Zeitlupen-Ballett bearbeiteten sich die Männer im gedämpften Licht, stolperten und fielen, rutschten die Wände entlang, stießen das ein oder andere Mal zusammen und torkelten mit langsam wedelnden Armen rückwärts. Selbst feste Schläge landeten auf den sich krümmenden Körpern mit einer eigenartigen Sanftheit. Die beiden Männer stolperten aufeinander zu, konnten kaum das Gleichgewicht halten. Und als der eine den anderen am Ellbogen oder Handgelenk traf, torkelte dieser umher, verzweifelt bemüht, in Balance zu bleiben. Der Kampf lief nahezu geräuschlos ab.

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Beschämt senkte ich den Kopf und schaute auf meinen Teller. Die Frau verkörperte das perfekte Profil einer Kamee, makellos, mit einer außergewöhnlichen Nase und einem bezaubernd geformten Kinn. In dem Moment, als sie sich umdrehte, bekam ich die rechte Seite ihres Gesichts zu sehen. Sie drehte sich um und ging die Stufen zum Restaurant hinunter. Mit geübter Handbewegung zündete sie sich eine Zigarette an und verdeckte so das Muttermal. Es begann unter ihrem Auge und lag wie ein langes, pelziges Tier quer über der ganzen Gesichtsseite. Als sie in das Auto stieg, hob sie die Hand, doch nicht schnell genug, um das dunkelrote, unförmige Muttermal auf ihrer linken Wange zu verbergen. Der Fahrer stieg aus und schloss die hintere Wagentür. Ein teures, weißes Auto kam um die Ecke gefahren, kämpfte sich durch die Menge auf der Straße und fuhr über die Bordsteinkante davon.

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Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge aufschreiben: In diesem Moment setzte sich die Straßenbahn in Bewegung und das ganze Bild verschwamm in meinem Gedächtnis. Er stand sofort wieder auf und stürzte sich auf den Jungen, der ihn zu Fall gebracht hatte. Mit aufgerissenen Augen landete er auf den Knien und brüllte vor Wut und Lachen gleichzeitig. Jemand stellte ihm ein Bein, so dass der Junge stolperte. Die anderen Kinder klatschten Beifall. In dem schwachen Licht sah der Junge zwergenhaft aus, wie ein kleinwüchsiger Erwachsener. Sein verschmitztes Lächeln im Gesicht ließ vermuten, dass er jeden Moment in Lachen ausbrechen würde. Mit romantisch-verträumter Miene schloss er die Augen und fuchtelte in der Luft herum,als würde er mit einer Partnerin tanzen. Er war ein wenig untersetzt, hatte volles, schwarzes Haar und kräftige Arme. Er war um die sechs Jahre alt. Die Kinder scharten sich um das Auto und bewunderten die großen schwarzen Boxen. Als das Lied über den Platz hallte, hörten die Kinder auf zu spielen. Zwei Männer saßen vorne auf den Kotflügeln und rauchten Zigaretten. Die Lautsprecherboxen oben auf dem Dach des kleinen Lkws waren mit einem CD-Spieler verbunden.

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Und ich sagte mir: Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge aufschreiben. Die Stadt war mir fremd. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, all die Dinge, die ich sah, nicht gleich wieder zu vergessen. Ich war unruhig, neugierig und erschöpft. Mal nahm ich ein Taxi, um weiterzukommen, mal die Straßenbahn. Ich hörte Geschichten, sah Gesichter, traf Menschen. Den ganzen Tag lief ich mit hellwachen Sinnen den feuchtkalten Gehweg entlang. Ich war ein Fremder hier. Und ich bin noch immer ein Fremder. Meine Umgebung war eine konfuse Matrix aus Ausgangs- und Zielpunkten. Den ganzen Tag laufe ich mit wachen Sinnen den feuchtkalten Gehweg entlang. Mal nehme ich ein Taxi, um an einen anderen Ort zu kommen, mal die Straßenbahn. Ich höre Geschichten, sehe Gesichter, treffe Menschen. Ich bin unruhig, neugierig und erschöpft. Die Stadt ist mir fremd. Immer wieder musste ich mich daran erinnern, all das Gesehene, nicht sofort wieder zu vergessen. Ich beruhige mich, in dem ich mir immer wieder sage: Ich sehe das alles in der richtigen Reihenfolge.

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Die Lautsprecherboxen oben auf dem Dach des kleinen LKWs sind mit einem CD-Spieler verbunden. Zwei Männer sitzen vorne auf den Kotflügeln und rauchen Zigaretten. Als das Lied über den Platz hallt, hören die Kinder plötzlich auf zu spielen. Sie scharen sich um das Auto herum und bewundern die großen schwarzen Boxen. Ein Junge, etwa sechs Jahre alt, tritt aus der Menge hervor. Er ist ein wenig untersetzt, hat volles, schwarzes Haar und kräftige Arme. Mit romantisch-verträumter Miene schließt er die Augen und fuchtelt in der Luft herum, als würde er mit einer Partnerin tanzen. Sein verschmitztes Lächeln im Gesicht lässt vermuten, dass er jeden Moment in Lachen ausbricht. Die anderen Kinder klatschen Beifall. In dem schwachen Licht sieht der Junge zwergenhaft aus, wie ein kleinwüchsiger Erwachsener. Jemand stellt ihm ein Bein, so dass der Junge stolpert. Mit aufgerissenen Augen landet er auf den Knien und brüllt vor Wut und Lachen gleichzeitig. Er steht direkt wieder auf und stürzt sich auf den Jungen, der ihm das Bein gestellt hat. In diesem Moment setzt sich die Straßenbahn in Bewegung und das ganze Bild verschwimmt in meinem Gedächtnis: Ich sehe das alles in der richtigen Reihenfolge.

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Ein teures, weißes Auto kommt um die Ecke gefahren, kämpft sich durch die Menge auf der Straße und fährt auf die Bordsteinkante. Der Fahrer steigt aus und öffnet die hintere Wagentür. Als sie aus dem Auto steigt, hebt sie die Hand, doch nicht schnell genug, um das dunkelrote, unförmige Muttermal auf ihrer linken Wange zu verbergen. Es beginnt unter ihrem Auge und liegt wie ein langes, pelziges Tier quer über der ganzen Gesichtsseite. Mit geübter Handbewegung zündet sie sich eine Zigarette an und verdeckt so das Muttermal. Sie dreht sich um und geht die Stufen zum Restaurant hinauf. Als sie sich umdreht, bekomme ich die rechte Seite ihres Gesichts zu sehen. Die Frau verkörpert das perfekte Profil einer Kamee, makellos, mit einer außergewöhnlichen Nase und einem bezaubernd geformten Kinn. Beschämt senke ich den Kopf und schaue auf meinen Teller.

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Ich bin wieder unterwegs. Ein Kampf erregt meine Aufmerksamkeit. Der Kampf läuft nahezu geräuschlos ab. Die beiden Männer stolpern aufeinander zu, können kaum das Gleichgewicht halten. Und als der eine den anderen am Ellbogen oder Handgelenk trifft, torkelt dieser umher, verzweifelt bemüht, in Balance zu bleiben. Selbst feste Schläge landen auf den sich krümmenden Körpern mit einer eigenartigen Sanftheit. Wie in einem wunderschönen Zeitlupen-Ballett bearbeiten sich die Männer im gedämpften Licht, stolpern und fallen, rutschten die Wände entlang, stoßen das ein oder andere Mal zusammen und torkeln mit langsam wedelnden Arme rückwärts. Einer der beiden – der im weißen Hemd – weicht vorsichtig zurück, wie in einem Boxring. Mit der linken Hand stößt er in die Luft, während er mit sich mit dem rechten Daumen über die Nase streicht und sich schnäuzt. Sein Gesicht bekommt plötzlich harte Züge. Du musst das alles in der richtigen Reihenfolge behalten: Seine Augen werden ganz schmal und plötzlich bewegt er sich langsam auf den Gegner zu. Der andere Mann starrt ihn fasziniert an, die Arme fest am Körper, beeindruckt von der Wendung der Ereignisse. Auf einmal fällt er seitwärts in einen Stuhl, mit einer Geste des Aufgebens. Der Mann im weißen Hemd steht regungslos da. Er sieht nichts weiter vor sicher als die nackte Wand, doch völlig befreit und mit entschlossener Kraft schlägt er auf sie ein. In meinem Kopf kann ich beinahe das Knacken der brechenden Knochen hören. Bedrohlich nähert sich der eine dem anderen Mann, der sich sofort erhebt, doch der Kampfeswille ist erloschen. Die Kämpfer rutschen auf dem nassen Boden aus und fallen aufeinander. Der Kampf scheint kein Ende zu nehmen – die Passanten verlieren das Interesse. Die ganze Szene erscheint nun schemenhaft und unwirklich und endet irgendwann im Nichts, bis beide Männer schwer atmend Schulter an Schulter stehen und sich gar nicht mehr richtig erinnern können, wie das alles angefangen hat.

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Der Verkehr auf der Küstenstraße bewegt sich in schnellen Schüben von einer Ampel zur nächsten, wie ein Schwarm ordnungsliebender Vögel. Die schnelleren Fahrer scheren aus, ordnen sich wieder ein, und kommen so von Ampel zu Ampel um ein paar Positionen nach vorne. Die Autos vor uns bewegen sich rhythmisch und ihre Rückleuchten blinken beim Bremsen eine nach der anderen vor uns auf. An einer Ampel bei einem kleinen Park halten wir an, und eine kleine Gruppe älterer Männer kommt zwischen den Bäumen hervor. Sie stellen sich direkt neben unser Auto. Einer von ihnen trägt Bademantel und Schlappen. Aus seiner Tasche lugt ein Flaschenhals hervor. Sie alle scheinen leicht betrunken und starren uns herausfordernd an. Der Mann mit dem Bademantel zieht die Flasche aus der Seitentasche und schraubt den Verschluss auf. Er führt sie an den Mund, seine zornigen Augen weiter auf uns gerichtet. Als er den Kopf in den Nacken wirft, zieht sich das faltige Fleisch an seinem Hals glatt. Das Licht springt auf grün und der Wagenpulk setzt sich wieder in Bewegung.

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Es ist später Nachmittag. Ich halte Helens Hand und helfe ihr den großen Felsen herab. Hinter uns hören wir noch das schrille Surren der Reifen auf der Küstenschnellstraße, doch vor uns sehen wir nur das Meer und die in der Ferne liegende Brücke über den Golf. Nicht weit vom Ufer liegt ein Fischerboot fast regungslos im Meer und wirft einen dunklen Schatten, der auf dem Wasser schwebt. Am Himmel sind zwei Flugzeuge zu sehen, die sich nur ganz langsam bewegen. Sie scheinen wie zwei winzige, sich spiegelnde Dreiecke am Anfang eines perfekten, immer länger werdenden Wasserdampfschweifes in hellstem Weiß. Ich sehe das alles in der richtigen Reihenfolge.

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Den ganzen Tag mit wachen Sinnen den feuchtkalten Gehweg entlang gelaufen. Mal ein Taxi genommen, um voranzukommen, mal die Straßenbahn. Geschichten gehört, Gesichter gesehen, Menschen getroffen. Unruhig, neugierig und erschöpft. In einer ihm fremden Stadt. Seine Umgebung ist eine konfuse Matrix aus Ausgangs- und Zielpunkten. Immer wieder muss er sich daran erinnern, die richtige Reihenfolge zu behalten...







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