Das Istanbul Tanpınar Festival - Bericht von Ursula Bergenthal

Das Istanbul Tanpınar Festival
Ein Bericht von Ursula Bergenthal

Istanbul ist eine dreidimensionale Stadt. Diese Erkenntnis mag die meisten nicht überraschen. Für mich jedoch ist Istanbul eine der wenigen Städte mit einer so markanten dritten Dimension, dass mir ein zweidimensionaler Stadtplan zur Orientierung nur hinderlich erschiene. Istanbul ist derart vielschichtig – man meint, jederzeit zwischen unterschiedlichen Pfaden wählen zu können: Über, unter oder mitten durch die zahlreichen Brücken hindurch, die Hügel hoch und wieder hinab, auf dem und jenseits des Bosporus‘. Nein, Angst sich zu verirren, hat man dort nicht. Schließlich gilt Istanbul als die Mitte der Welt. Die genaue Stelle ist sogar durch einen Stein markiert.

Manchmal muss man vor Ort sein, um überhaupt zu erkennen, wonach man sucht. Sicher, 2006 wurde Orhan Pamuk der Literaturnobelpreis verliehen, 2008 war die Türkei Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, und in Berlin, Schleswig-Holstein und anderswo finden gut besuchte türkisch-deutsche Literaturfestivals statt. Natürlich hatte ich immer wieder großartige Einblicke in die türkische Literatur erhascht. Aber wie findet man am schnellsten jene Texte, die ins eigene Verlagsprofil passen? Wo setzt man an, wenn man sich eine erste Orientierung verschaffen will? Da kam es sehr gelegen, dass Nermin Mollaoğlu, Gründerin der KALEM Literaturagentur, zum Fellowship-Programm des von ihr initiierten Istanbul Tanpınar Literaturfestivals (ITEF) lud.

Das Istanbul Tanpınar Festival wurde 2009 ins Leben gerufen, und Nermin und ihr Team haben es mit großer Leidenschaft als festen Bestandteil des Kulturlebens etabliert. Schon jetzt, im dritten Jahr seines Bestehens, ist es sehr international ausgerichtet: 54 Autorinnen und Autoren aus 13 Ländern nahmen an den Lesungen und Diskussionsrunden teil, darunter Namen wie Mario Levi, Jean Orizet, Ipek Calışlar, Vladislav Bajac, Adam Foulds, Charles den Tex, Mircea Dinescu, Tiffany Murray, Péter Zilahy oder Timothée de Fombelle. ITEF wurde mit Unterstützung von Literature Across Frontiers gegründet und durch das Kultur-Programm der EU gefördert. Dank der jüngst eingegangenen Kooperationen mit dem British Council, dem Hay Festival of Literature and Arts und dem Copenhagen International Literature Festival ist es Teil eines weit verzweigten Netzwerkes und im steten internationalen Austausch.

Enthusiasmus ist ansteckend. Und der epidemische Verlauf, den er nehmen kann, zeigt sich nicht zuletzt angesichts der zahlreichen Freiwilligen und Sponsoren des Festivals, die etwa für die Eröffnungszeremonie Veranstaltungsorte wie den Çırağan Palace Kempinski mit grandiosem Blick über den Bosporus zur Verfügung stellen. Fünf Tage dauerte das Festival, und während dieser Zeit verschmolzen die diversen Veranstaltungen ganz natürlich mit der Architektur und der Infrastruktur der Stadt. Unter dem Motto „Stadt und Essen“ konnten sich die Gäste nicht nur die intellektuellen (und oft auch emotionalen) Diskussionen und die gelesenen Texte auf der Zunge zergehen lassen – allabendlich luden „Literatur-Bankette“ im Cezayir Restaurant und an anderen Orten zu kulinarischen Hochgenüssen und zur Möglichkeit, mit den Autoren und Journalisten ins Gespräch zu kommen.

Und das Festival verfolgt noch ein weiteres Anliegen: Durch Diskussionsrunden im Klassenzimmer wird Literatur an die Schulen gebracht. Die Organisatoren wissen wohl nur zu gut, dass wir die junge Generation erreichen müssen – sie sind nicht nur unsere Kunden von morgen, sondern auch jene, die die Gesellschaften formen, in denen wir einst werden leben müssen (und bestenfalls auch wollen).

Das Fellowship-Programm des Festivals gibt es seit diesem Jahr mit dem Ziel, Verleger, Lektoren, Übersetzer, Autoren sowie Vertreter verschiedener Kulturorganisationen zusammenzubringen, die letztendlich ein gemeinsames Ansinnen haben: Literatur zu entdecken, sie zu verbreiten und sie, ja, auch zu leben und zu beleben. Auf dem Programm stehen Treffen mit renommierten Verlagshäusern wie YapiKredi, Metis, Everest und Timaş sowie mit dem türkischen Verlegerverband. Es ist immer faszinierend zu sehen, wie andere literarische Märkte mit Themen wie Raubkopien (die silbernen Hologramme auf der Rückseite türkischer Bücher verdeutlichen die Relevanz derartiger Diskussionen) oder E-Publishing umgehen, wie internationale Verlagshäuser ihre Programme zusammenstellen, ihre Bücher vermarkten, die Zusammenarbeit mit den Autoren gestalten, und darüber diskutieren, wie der Markt am besten von Buchmessen und Festivals profitiert. Im Idealfall stellt man anschließend den eigenen Ansatz in Frage und überdenkt die eigenen Vorgehensweisen.

Wenngleich sich der türkische Buchmarkt stark auf Istanbul konzentriert, wirkte die Literaturszene, wie ich sie vor Ort kennenlernte, auf mich äußerst dynamisch. Und den Gesprächen nach zu urteilen, die ich mit Agenten und Verlegern in Istanbul und später auf der Frankfurter Buchmesse führen durfte, tragen intensive, oft kontroverse (öffentliche) Diskussionen dazu bei. Außerdem ist der türkische Buchmarkt gut ausgerüstet, wenn es darum geht, seine Kostbarkeiten zu teilen. Oder wahrscheinlich sollte man realistisch sein und sagen: wenn es darum geht, seine Kostbarkeiten international an den Mann zu bringen. Er investiert, um kundenorientiert zu agieren.

Agenturen wie KALEM stellen ausführliche (Probe-)Übersetzungen auf Englisch und zusätzlich in anderen Sprachen zur Verfügung, sie liefern detaillierte Exposés, organisieren Übersetzerworkshops und geben Tipps zur Finanzierung. Durch das 2005 initiierte TEDA-Programm wurde inzwischen Verlagen aus mehr als 50 Ländern Übersetzungs- und Publikationsförderung zuteil.

Und angesichts der Tatsache, dass die Türkei 2013 Market-Focus-Partner der Londoner Buchmesse sein wird, ist anzunehmen, dass die türkische Literatur bald noch stärker ins Rampenlicht der internationalen Bühne gerückt wird. Man sollte also schnell sein, wenn man sein Programm bestücken will.

Ich weiß: Die geheimen Plätze, an denen man verborgene Schätze hebt, sollte man niemals verraten (die Daten für das nächste ITEF-Festivals werden in Kürze auf www.itef.com.tr veröffentlicht). Aber letzten Endes geht es beim Verlegen nicht nur darum, neue Talente, ungewöhnliche Stimmen und interessante Geschichten zu finden. Vor allem ist es getrieben von dem Wunsch, das, was man findet, auch zu teilen – mit den Lesern, aber auch mit der Literaturszene und dem internationalen Markt. Und darauf zielen ITEF und das Fellowship-Programm ab: einträgliche Diskussionen, einen lohnenden Ideenaustausch und ein fest geknüpftes Netzwerk.

Und die Reise lohnt. Man kommt nicht umhin, sich vom Enthusiasmus der dynamischen türkischen Buchszene anstecken zu lassen und die Literatur in ihrer unglaublichen Fülle an heterogenen literarischen Traditionen und zeitgenössischen Stimmen erkunden zu wollen. Es ist schier unmöglich, nicht begeistert zu sein von der Schönheit Istanbuls, wo man Brücken überquert, um immer neue Dimensionen zu entdecken. Wo man Hügel erklimmt, um zu erspähen, was hinter der nächsten Kuppe verborgen liegt. Und wo man abends gemeinsam mit anderen Teilnehmern des Festivals in einer Dachbar sitzt und zusieht, wie sich die Lichter der Stadt und der Boote, die auf dem Bosporus kreuzen, langsam zu einem Muster verknüpfen – wie auf der Schale einer Cantaloup-Melone.

Weitere Informationen unter:

Istanbul Tanpınar Literaturfestival www.itef.com.tr

KALEM Literturagentur www.kalemagency.com

Buchmesse Instanbul www.istanbulbookfair.com







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL