Diego Marani - Italien

Die Pille danach
Von Diego Marani, aus dem Italienischen von Julia Strepeneder

Der Polizist hatte in der prallen Sonne gewartet, bis niemand mehr in der Apotheke war. Wache zu schieben war er gewöhnt, aber diese Warterei machte ihn fix und fertig. Zumal sich die Passanten fragten, was er denn hier trieb. Als er durch das Fenster sah, dass die Apothekerin endlich alleine war, ging er hinein und nahm seine Mütze ab. Doch da er nicht wusste, wohin mit ihr, setzte er sie wieder auf. Er näherte sich der Theke und kramte in der Tasche seiner Uniform.

„Guten Tag, Brigadiere!“

„Guten Tag.“

„Bitte, was kann ich für Sie tun?“

„Es ist so, Dottoressa, ich komme wegen dieser Sache mit Tonio und Anita ...“ Ausgerechnet im kühlen Luftzug der Klimaanlage wurde dem Polizisten noch heißer. Er schwitzte auf dem Bauch, auf dem Rücken, auf der Stirn, ja sogar auf der Nase.

„Habt ihr sie gefunden?“, fragte die Frau, ohne von den Zetteln aufzublicken, die sie gerade ausfüllte. Der Polizist hustete. Das war immer so, wenn ihm heiß war. Er schwitzte und hustete. Je größer die Schweißflecken auf seinem Hemd wurden, desto heißer war ihm, und er musste husten. Da war nichts zu machen.

„Nein, nein. Noch nicht. Der Suchtrupp durchkämmt gerade den Fluss. Aber in der Hütte haben wir das hier gefunden.“

Der Polizist zog eine Ohrstöpsel-Packung aus der Jackentasche und legte sie auf den Tisch. Auf der einen Seite klebte das Etikett der Apotheke. Auf der anderen stand mit einem grünen Stift geschrieben: Pille danach. Die Apothekerin nahm das Schächtelchen in die Hand und besah es sich von allen Seiten. Dann schob sie es aus der Hülle und leerte den Inhalt auf die Marmorplatte. Dreißig grüne Tabletten zählte sie. Dann sah sie zum Polizisten auf und rief freudestrahlend:

„Alle noch da! Nicht einmal eine einzige hat er genommen! Also wollte er spüren, was in ihm vorging ...“

Sie war nachdenklich, fast entzückt. Ihr Blick verlor sich in der Ferne hinter dem Schaufenster und sie biss sich leicht auf die Lippen. Indessen hatte der Polizist erneut die Mütze abgenommen, zögerte aber, sie auf die Theke zu legen. Er suchte einen geeigneten Platz, visierte ein Regal an, aber es war das Regal mit den Damenbinden, also setzte er die Mütze wieder auf.

„Das müssen Sie mir erklären, Dottoressa ...“, seufzte er schließlich.

Die Apothekerin fuhr gedankenverloren mit den Fingern zwischen den verstreut am Tisch liegenden Tabletten herum.

„Also gut, Brigadiere. Aber zuerst geben Sie mir Ihre Mütze.“ Sie packte sie vorne am Schirm und hängte sie auf die Personenwaage.

„Seit dem Tod seiner Mutter letzten Sommer ist Tonio immer alleine in die Apotheke gekommen, um sich seine Medikamente abzuholen. Das hat ihm der Sozialarbeiter beigebracht. Als eine Art Maßnahme zur Förderung seiner Selbstständigkeit. Damit er die Medikamenteneinnahme nicht abbricht. Denn ohne die Antidepressiva kann Tonio nicht leben. Er bekommt Anfälle und hört Stimmen, die ihn verfolgen. Als seine Mutter noch lebte, hatte sie ihm die Einnahme befohlen und er hätte ihr nie zu widersprechen gewagt. Aber als sie dann starb, hatten sich die von der örtlichen Gesundheitsbehörde Sorgen gemacht. Sie hatten überlegt, ihn in ein Altenheim zu stecken. Der Psychologe, bei dem Tonio in Behandlung ist, redete es ihnen aus. Tonio konnte für sich selbst sorgen und in seinem Haus unten am Deich bleiben. So würde er ausgeglichener sein. In einer ungewohnten Umgebung hätte sich sein Zustand plötzlich verschlechtern können. Aber man musste ihn unterstützen, ihn ermutigen, selbst für sich zu sorgen. Seine Tage in Aufgaben, fixe Termine einteilen. Und so ist auch das Abholen der Medikamente bei mir zu einer Art Ritual geworden. Er kam jeden Dienstag um Punkt elf Uhr. Bis er vor einem Monat, genauer gesagt am ersten Juni, nachdem er seine Medikamentenpackung mitgenommen hatte, vor der Tür noch einmal umdrehte.

„Ich wollte Sie noch etwas fragen“, hatte er zögernd gesagt.

„Was denn, Tonio?“

„Sie haben doch so viele Tabletten ... haben Sie nicht zufällig auch die Pille?“

„Die Pille?“

„Die ... Pille danach?“

„Tonio, die Pille danach ist eine ganz bestimmte Tablette. Warum willst du die denn? Weißt du überhaupt, wann man die nimmt?“

„Wenn man Sex gehabt hat, oder?“

„Tonio, die Pille ist für Frauen. Um nach dem Geschlechtsverkehr nicht schwanger zu werden. Das ist ein bisschen kompliziert zu erklären ...“

„Ja, genau das brauch ich!“ Während unseres Gesprächs war er bis in die Mitte des Raums gegangen. Im Gegenlicht, hager, ein wenig nach vorne gebeugt stand er da und sagte mit gebrochener Stimme zu mir:

„Ich glaub, ich bin schwanger ...“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und dachte an das Allerschlimmste. An diese bösen und naheliegenden Dinge, an die wir normale Menschen denken. Ob Tonio vergewaltigt worden war? Jetzt da er alleine lebte, eine zerbrechliche Seele wie er. Jemand konnte ihn gezwungen haben, etwas zu tun, das er nicht wollte. Aber welcher Perversling konnte sich an einem abnormalen Alten vergreifen? Ich versuchte, klar zu denken.

„Tonio, nur Frauen können schwanger werden. Frauen können Kinder kriegen. Männer nicht.“

„Ja, sicher! Aber das ist es nicht. Ich krieg kein Kind. Aber ich hab Sex gehabt. Und jetzt spür ich etwas in mir, das nicht mehr weggeht, hier, zwischen dem Herzen und dem Bauch. Und es drückt und ich bekomm keine Luft. Und deswegen hab ich gedacht, dass ich vielleicht schwanger bin. Dass ich vielleicht die Pille danach brauche.“

Ich beruhigte mich. Und schämte mich ein wenig für meine Beschränktheit. Tonio hatte endlich Gefühle entwickelt. Seine Mutter hatte sterben müssen, damit er sich befreien konnte. Also wollte ich ihn beschwichtigen.

„Jetzt versteh ich, Tonio! Ich weiß, was du hast. Du bist nicht schwanger, du bist nur erfüllt von einer Sache, die du noch nie in dir gespürt hast. Deshalb fühlst du dich komisch. Aber das ist keine Krankheit. Das geht von alleine wieder vorbei, und man muss keine Eile haben, nein, man muss versuchen, diese schönen Dinge ganz bewusst in sich zu fühlen. Jetzt freust du dich zum Beispiel über die Sonne, die hinter dem Fluss untergeht. Und die Wolken in der Nachmittagsbrise kommen dir vor wie kleine Tiere. Am Abend riechst du Düfte, die du noch nie gerochen hast, und ich wette, du versuchst jetzt auch, Glühwürmchen zu fangen, oder?“

„Ja, genau! Genau so! Und manchmal fang ich auch welche! Und außerdem will ich jetzt immer mit Anita zusammen sein!“

Während die Apothekerin das erzählte, hatte sie die Pillen auf dem Tisch alle in einer geraden Linie aufgelegt. Jetzt nahm sie die letzte, legte sie neben die erste und ließ so die grüne Schlange langsam über die Marmorplatte kriechen. Der Polizist folgte ganz benommen ihren lackierten Fingern.

„Das war also geschehen. Die einfachste Sache der Welt. Tonio hatte sich verliebt. In Anita, seine Nachbarin.“ Als sie das sagte, zerstörte sie die Reihe und gab die Tabletten wieder in die Packung zurück.

„Anita Poletti, die Alte, die Reisbesen macht?“, fragte der Polizist.

„Ja, genau. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, nur durch den Hühnerstallzaun getrennt. Beide waren sie alleine. Sie wegen ihrer Verkrüppelung ausgestoßen, und er wegen seiner geistigen Behinderung.“

„Aber diese Pillen?“ Der Polizist wollte zur Sache kommen. Mit einer attraktiven Frau über die Liebe zu sprechen, machte ihn verlegen. Und der Gedanke an den Verrückten, der mit einer buckligen Alten Unzucht trieb, drehte ihm den Magen um. Er stellte sich vor, wie die beiden nackt im Gras lagen, vor der Schilfhütte, in die sie gezogen waren. Eine unerträgliche Vorstellung.

„Gleich, Brigadiere, gleich! Ein bisschen Geduld. Manche Dinge muss man erzählen, nicht einfach nur sagen. An diesem Morgen wollte ich mir Zeit nehmen und mit dem Sozialarbeiter reden, um ihm die Sache zu erklären. Ich hielt sein Einschreiten für nötig. Aber dann dachte ich: Nein, das ist ungerecht. Tonio hat sich an mich gewandt. Ich durfte sein Vertrauen nicht missbrauchen.“

Der Polizist kratzte sich. Zuerst die Stirn, dann den Hals. Der Juckreiz war das Endstadium seiner Hitzewallungen. Danach würde er alles überstanden haben.

Ich sagte zu ihm: „Tonio, du brauchst keine Angst zu haben. Jetzt mach ich dir eine Medizin, die dir helfen wird. Diese Pille danach. Immer wenn es dir die Brust zusammenschnürt und auch das Tiefdurchatmen nichts mehr hilft, jedes Mal, wenn du Sehnsucht nach Anita hast und es dir vorkommt, als würde der Himmel über dir aufgehen, wenn du sie umarmst, wenn du glaubst, das alles nicht mehr auszuhalten, dann nimm eine von meinen Pillen, und es wird dir gleich besser gehen. Aber wenn dir dieses Schwindelgefühl gefällt, wenn die Freude, die es dir macht, größer ist als die Beklemmung im Herzen, dann darfst du die Pille nicht nehmen. Warte ein bisschen, und du wirst merken, dass dir auch die Liebe nicht mehr wehtut, dass sie sogar wunderschön ist und dass du eines Tages vielleicht gar keine Medikamente mehr brauchst. Komm am Mittag wieder, dann ist deine Pille danach fertig!“

„Und Sie, Dottoressa, haben also einem Geisteskranken ohne ärztliche Verschreibung die Pille danach ausgehändigt?“, unterbrach sie der Polizist und versuchte, sich nicht zu kratzen, um die nötige Haltung zu bewahren.

„Sie können nicht zuhören, Brigadiere! Lassen Sie mich doch ausreden!“, antwortete die Frau und leerte die Pillen erneut auf die Theke. Sie verfolgte gespannt, wohin die Pillen rollten, als wären sie Mikado-Stäbchen. Dann nahm sie geheimnistuerisch die am Rand liegenden Pillen und legte sie in die Mitte des Häufchens. Der Polizist starrte sie an und versuchte in dieser Anordnung etwas zu erkennen.

„Sehen Sie, Brigadiere, Anita ist nicht mit Tonio in diese Hütte neben dem Deich gezogen, weil sie sich bei ihm angesteckt hat und auch verrückt geworden ist. Nein, diese zwei Menschen haben ihr ganzes Leben lang gelitten und sich gegenseitig leiden gesehen. Tonio hat diese psychischen Störungen schon seit dem Kindesalter. Vielleicht war die Mutter an all dem Schuld, man wird es nie wissen. Ein Kind von einem Unbekannten, ein richtiger Hurensohn. Denn das wird man Ihnen sicherlich gesagt haben, Brigadiere, dass sich seine Mutter ein Zubrot als Prostituierte verschaffte, um über die Runden zu kommen. Ihre Stunden als Dienstmädchen reichten gewiss nicht aus. Der Ehemann von den Partisanen ermordet und dieser Sohn, von dem man nicht recht wusste, ob er der Sohn eines Faschisten war oder von einem, der die Nacht unten am Deich verbracht hatte, um eine Frau auszunutzen, die sich ihr Geld nicht auf andere Weise verdienen konnte. Letzten Endes blieb die ganze Schuld an Tonio hängen. Seine Mutter ließ ihn nie aus dem Hof hinaus ins Dorf, wo die Frauen sie verachteten und die Männer sie vögelten!“

Der Polizist fuhr sich mit einem Finger in den Hemdkragen. Jetzt ging das Jucken auf die Brust über, und der Husten wurde zu einem Niesen.

„Also war das einzige menschliche Wesen, mit dem Tonio in Kontakt kam, die Bucklige, die gleich alt war wie er und die von ihren Eltern aus Scham im Haus versteckt wurde. Meine Mutter fuhr öfters mit dem Fahrrad den Deich entlang und erzählte mir, dass sie sah, wie die beiden durch den Zaun des Hühnerstalls miteinander spielten. Er steckte ihr frische Blätter für die Hühner durch die Drahtmaschen, und sie schenkte ihm Schneckenhäuser und Kettchen aus Federn. In einer Winternacht erstickten Anitas Eltern wegen eines kaputten Ofens. Anita konnte sich retten, weil sie im Stall schlafen musste. Bei den Tieren. Ihre Eltern hatten gehofft, dass sie sterben würde oder sich in eine Sau, eine Pute oder ein Kaninchen verwandeln würde. Tonio hatte auf den Tod seiner Mutter warten müssen, damit er Anita näherkommen konnte. Aber sie hätten nie in einem ihrer Häuser wohnen können. Denn die waren verseucht. Bis oben hin voll von dem Schmerz und Elend, in dem die beiden gelebt hatten. Die Hütte neben dem Deich war also ihr Zufluchtsort. Jetzt sind sie endlich frei, wo immer sie auch sind.“

Der Polizist zögerte. Er schluckte langsam, bis sein Hals nicht mehr kratzte. Der Husten war vorüber, und der Juckreiz breitete sich aus. Endlich bekam er wieder Luft.

„Es tut mir leid, Dottoressa, aber ich muss wegen der Sache mit der Pille Anzeige erstatten ...“, beharrte er. Die Apothekerin hatte die Pillen in Blumenform angeordnet. Fünf grüne Blütenblätter zu je fünf Pillen und in der Mitte ebenfalls fünf. Sie nahm eine davon zwischen Daumen und Zeigefinger und steckte sie in den Mund.

„Trockenextrakt aus Lakritze, Magnesium und Minzöl. Wollen Sie eine? Damit Sie nicht schwanger werden ...“







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