Krisztina Tóth - Ungarn

Die Taube (Anpassung des Körpers an die Vorstellung)
Von Krisztina Tóth, aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer

Im einzigen geöffneten Kaffeehaus der Kleinstadt saßen nur Männer. Sie sahen geistesabwesend auf die Straße hinaus und betrachteten den schläfrigen Verkehr auf dem kleinen Platz vor der Kirche. Hinter ihnen, am Fuße der Felsen, tobte das Meer gegen die Betonmauer, doch sie warfen keinen Blick durch die verschmierten Fenster: Einheimische interessiert das Panorama nicht, genauso wenig wie der gelbes Licht verbreitende, laue mediterrane Sonnenuntergang. Bei meinem Eintreten vor einer Viertelstunde hatten sich sämtliche Gesichter mir zugewandt. Langsam schlürfte ich den starken, bodensatzigen Kaffee und starrte auf die Kunststoffliesen, die in Sandalen steckenden, knochigen, malträtierten Füße, die verdickten Nägel der dörrfeigenartigen Zehen. Fischer. Ich dachte an die schwarzen, gesprungenen Fersen meiner Quartiergeberin, mittlerweile begannen die Männer vermutlich über mich zu reden, und als ich den Blick hob, empfing mich ein zahnlückiges Grinsen.

Der Schnurrbärtige saß am Tisch gegenüber rittlings auf seinem Stuhl und schüttelte rhythmisch und unter stoßweisem, bellendem Lachen den Kopf, worauf ich sorgfältig das Geld abzählte und hinauseilte. Dabei blieb der Henkel meines Beutels an der Klinke hängen.

Die Sonne stand tief und beleuchtete das Plätzchen vor der Kirche. Ich setzte mich, schlüpfte aus den Sandalen und begann im Reiseführer zu lesen. Auf der Bank neben mir saßen zwei Frauen. Auf den ersten Blick wirkten sie gleichaltrig, nach ihrer gegerbten, bitter zerfurchten Haut zu urteilen waren sie um die Fünfzig. Unter dem einen schwarzen Tuch lugte ein kräftiges, leicht angegrautes Büschel hervor, unter dem andere ringelte sich noch schwarzes Haar. Die Frauen sahen einander nicht an, mit auf den Knien ruhenden Händen hatten sie den Blick auf den Boden vor ihren Füßen gerichtet, die mit schwarzen Strümpfen und Filzschuhen bekleidet waren.

Auf einmal erschien der Schnurrbärtige von vorhin in der Espressotür und begann mit dem gleichen frivolen Grinsen laute Rufe auszustoßen. Die zwei Frauen reagierten nicht, dabei war offensichtlich, dass die gehaspelten paar Sätze ihnen galten. Schließlich wechselten sie einige aufgeregte Worte: Ich war überrascht, was für eine junge, fast mädchenhafte Stimme die rechts Sitzende hatte. Ich betrachtete sie von neuem, aufmerksamer, und stellte fest, dass sie wohl Verwandte waren. Die nussbraun-beizfarbenen Züge ähnelten einander, wenn auch die Frauen dieser Gegend für meine Augen immer gleich aussahen, immer dieselbe kopftuchtragende Frauengestalt schien, gehüllt in grimmige Reglosigkeit, vor jedem Haus mit Fensterläden zu sitzen.

Inzwischen segelten vor den beiden Frauen einige Tauben herab und pickten erwartungsvoll auf dem Pflaster herum. Ich legte den Reiseführer hin, nahm Sonnenbrille und Brieftasche aus dem Leinenbeutel, stülpte ihn um und begann die Krümel des gestrigen Imbisses auszustreuen. Als ich den Beutel wieder eingeräumt hatte, waren die Tauben bereits bei meiner Bank. Die eine trippelte in einem seltsamen Rhythmus, als könne sie das Tempo des Nickens und des Watschelns nicht in Übereinstimmung bringen. Als sie näherkam, erkannte ich ein weißliches, kaum wahrnehmbares Band zwischen ihren Beinen: es wirkte fast, als würde sie mit heruntergezogener Hose herumhüpfen. Als sie aufflog, zeigte sich unterhalb der Beine ein undeutlicher kleiner Fleck, sie schien auf einer Wolke stehend zu flattern.

Ich konnte sie nicht gründlicher betrachten, weil mich der Schnurrbärtige ablenkte, der plötzlich die Stufen hinabstieg, den Platz querte und bei den Blumenkästen gegenüber den Bänken stehenblieb.

In den Kästen wucherte ein rosafarbenes Gewächs, bis über die Wände der steinernen Gefäße hinab. Am Ende der Stengel öffneten sich große, trichterförmige Kelche, die verwelkten klebten ähnlich Blättern als rosa Papierblüten daran. Der sandalentragende Mann betrachtete die beiden Frauen, und als diese zu ihm aufsahen, bückte er sich und hob die herabhängende Pflanze an wie einen Rock, um mit frivolem Entzücken in einen der Kelche hineinzuriechen.

Er fügte seiner Darbietung ein paar gurgelnde Worte hinzu und lachte mich mit seinen schartigen Zähnen komplizenhaft an. Dann schlurfte er zurück zu den anderen, die auf der Treppe des Espressos zugesehen hatten. Ein Schwachsinniger, durchfuhr es mich, als ich in diese Schielaugen blickte. Auch in seinem Gang war etwas von gezügeltem Wahnsinn, das fiel mir erst jetzt, von hinten, auf.

Die Männer gingen hinein, die Frauen saßen weiterhin reglos da, die Nachmittagssonne schien unermüdlich, die geflüchteten Tauben umringten neuerlich die Bank.

Als die Hosentaube - so hatte ich sie bei mir getauft - sich näherte, bückte ich mich, um sie näher zu betrachten. Zwischen ihren wunden Beinen spannte sich tatsächlich ein folienartiges Material, das beim Fliegen herabhing. Ich wartete reglos, dass sie näherkam - es war ein Haarnetz. Zuletzt hatte ich so etwas in meiner Kindheit gesehen, als meine Großmutter ihr früh ergrautes, sprödes Haar zu einem dichten Knoten kämmte und danach die hauchdünne, zwischen kleinem Finger und Daumen gespannte Hülle darüber zog.

Der Vogel mochte seine seltsame Bürde schon jahrelang getragen haben, denn er war mit den Beinen vollkommen darin verstrickt und die umwickelnden Fäden verschwanden stellenweise im Gefieder, als wäre sie damit verwachsen.

Der untere, verschmutzte Teil wehte, wenn die Taube flatterte, wie ein Schleier unter ihr: Das war die kleine Wolke, die ich zuerst wahrgenommen hatte. Ich hätte dem Vogel gerne ein paar Krümel gegeben, doch auf dem Boden des Beutels war nichts mehr.

Der ganze Schwarm flog zugleich auf, denn von der rechten Seite des Platzes näherte sich ein großer, knochiger Mann mit kraftvollen Schritten. Die zwei Frauen sahen nicht auf und bewegten sich nicht. Der Mann kam bei ihnen an, stellte sich wie der Schnurrbärtige neben die Blumenkästen und begann leise, doch energisch auf die Frauen einzureden. Er mauschelte fast. Die dort rührten sich nicht, antworteten nicht, doch aus ihrem Schweigen oder aus dem Tonfall des Mannes ließ sich nicht auf das nun Folgende schließen.

Er trat zu der jünger erscheinenden Frau, fasste sie an den Schultern und stellte sie mit einer energischen Bewegung auf die Beine. So standen sie einander gegenüber, als er ihr plötzlich, so gut wie ohne Anlass mit voller Kraft ins Gesicht schlug. Er wirkte weder zornig noch ungeduldig, er wollte einfach etwas besprechen. Die Frau antwortete mit fortgesetztem Schweigen, und ihre ältere Begleiterin starrte weiter auf den Stein vor ihren Filzpantoffeln. Der Mann sah zu ihr hin, sagte etwas, dann schlug er die Frau auch von der anderen Seite, sie geriet aus dem Gleichgewicht, stürzte aber noch nicht hin. Die nächsten zwei schwungvollen Schläge nahm sie ebenfalls noch stehend entgegen, doch dann taumelte sie und glitt, als hätte sie sich in der Entfernung verschätzt, vor der Bank zu Boden. Wie ein großer Flügel breitete sich das schulterlange schwarze Kopftuch neben ihr aus, unter dem verrutschenden Rock wurde ein überraschend magerer Körper sichtbar. Der Mann begann, sie rhythmisch in den Bauch zu treten, dann überlegte er es sich und trat sie ins Gesicht. In launischen Rinnsalen verteilte sich das sickernde Rot auf den Steinen, die Frau krümmte sich, sagte jedoch weiterhin kein Wort. Sie weinte nicht und schrie nicht. Die andere saß stumm da, wandte der Geschlagenen nicht einmal das Gesicht zu, mich hatten sie anscheinend gar nicht zur Kenntnis genommen, der Mann warf keinen einzigen Blick auf mich. Erst als ich mich unsicher erhob und auf sie zuging.

Er sah mir geradewegs in die Augen. Das Helle seines Augapfels war gelblich, doch sein dunkler Blick war eher entschlossen als drohend. Auch seine Haltung verriet keine heftigere Gemütsbewegung, er wollte nur einfach nicht, dass ich seiner notwendigerweise rhythmischen Arbeit in die Quere kam.

Inzwischen stützte sich die Frau auf einen Ellbogen und wollte anscheinend aufstehen. Der Mann trat ihr noch einmal ins Gesicht, diesmal so gekonnt, dass die Oberlippe platzte. Sie presste die freie Hand auf die Wunde, doch nun traf er sie in die Armbeuge, so dass sie nach hinten fiel. Das Kopftuch löste sich, und das dunkle, glanzlose Haar fiel in die Blutschmiere. Nun beugte er sich hinab und veränderte ihre Lage, passte gleichsam den Körper der Vorstellung an, und diesmal begann er ihre Brust zu treten, dann abwechslungshalber von unten ihr Kinn, wovon der Kopf bald zurückfiel und in dieser Stellung verharrte.

Noch war er nicht fertig, schien unzufrieden. Er ging um den schwarzen Lumpenhaufen herum, zwischen der Bank und ihrem Rücken stehend wälzte er sie zur Seite, um schließlich die Hüftgegend schwungvoll mit den Füßen zu bearbeiten. Das brachte die Frau schrittweise zur Besinnung, sie richtete sich halb auf, aus ihrem Mund floss langsam, in zwei Schüben blutiges Erbrochenes auf die Steine, dann legte sie sich auf ihren erschöpft ausgestreckten Arm, in der klassischen weiblichen Positur, die befriedigte Geliebte einnehmen, wenn sie mit angezogenen Knien einschlummern.

Der Mann sah grübelnd hinab, umging die nun gelb übermalte Blutlache und schüttelte sorgenbeladen den Kopf. Die ältere Frau saß mit geschlossenen Knien und gestreckten Armen da, die Hände ruhten auf den Knien. Das schwarze Tuch umhüllte sie, es machte ihre statuenartige Steifheit und die im reglosen Gesicht schwimmenden, öligen Augen nur noch auffälliger.

Der Mann sah zur Treppe des Espressos hinüber, erst jetzt bemerkte ich, dass alle draußen standen.

Er spuckte auf das Pflaster, schlug zur Kirche hin ein Kreuz und eilte in dieselbe Richtung davon, aus der er gekommen war. Die ältere Frau stand auf, kniete sich neben den am Boden liegenden Körper und sprach. Es war nicht klar, ob das hastige, an Herunterlesen erinnerndes Gemurmel der Jüngeren galt, oder irgendwem sonst auf der anderen Seite des Platzes, der Körper jedenfalls antwortete nicht, er lag nur ergeben da, und als die ältere Frau ihn sanft zu schütteln begann, drehte sich das Gesicht ins Erbrochene. Ich stand neben ihnen, reichte der Knienden mein Handy und blickte mich auf dem Platz ratlos um, als würde ich auf Hilfe hoffen. Die Frau schenkte mir überhaupt keine Beachtung, sie blickte nur kurz auf und schüttelte den Kopf, dann begann sie vertieft das geschwollene Gesicht mit dem Zipfel ihres Tuchs abzuwischen.

Ich ging auf die Kirche zu, im Rücken spürte ich die Blicke der auf der Espressotreppe versammelten Männer. Auf dem Pflaster streckten sich die noch immer scharfen Schatten in die Länge, die tiefe Sonne strahlte auf dem kurzen Weg bis zum Eingang durch die Bäume. Der Geruch des Erbrochenen und des warmen Blutes vermischte sich in meiner Nase mit dem stickigen Hauch, der mir aus dem Innenraum entgegengähnte.

Ich nahm auf der hintersten Bank Platz und horchte eine Weile mit noch beschleunigtem Puls, ob hinter mir die Holztür aufgehen würde.

Sie ging nicht auf. Es war still. Gegenüber auf dem Altarbild zeigte ein sehr blauäugiger, rotbäckiger Jesus sein glitschiges, orangerotes Herz, das bänderartig gewundene Adern umfingen, wie ein geheimnisvolles, blutgetränktes Geschenkpaket. Über ihm flatterte die Taube.

Das Netz war nicht mehr um ihre Beine gewunden, es schwebte losgelöst unter ihr, wie eine kleine, flache, graue Wolke. Mechanisch kratzte ich am Boden meines Beutels: tatsächlich fanden sich in einer Ecke ein paar Krümel. Anscheinend hatte ich ihn nicht gründlich genug ausgeschüttelt.







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