Mima Simić - Kroatien

Meine Freundin
Von Mima Simić, aus dem Englischen von Andreas Jandl

Meine Freundin ist blind. Wenn ich wollte, könnte ich – während sie Wasser kocht, in der Mikrowelle Popcorn macht oder sich die Haare föhnt – im selben Raum mit einer anderen Frau rumschäkern oder sogar leise Sex haben. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, fragt sie nicht, wie mein Tag war; sie will wissen, ob es Stau gab, wie es auf der Baustelle nebenan vorangeht, und worüber die Leute im Bus so geredet haben. Sie will wissen, ob mein Tag lauter war als sonst. Manchmal gehe ich überhaupt nicht zur Arbeit. Ich gebe ihr einen Kuss, verabschiede mich laut, lasse die Tür ins Schloss fallen – aber bleibe da. Dann halte ich die Luft an, bis sie mir den Rücken zugewandt hat. Neben dem Fenster in der Ecke kann ich stundenlang unbemerkt sitzen; der Luftzug wehtmeinen Geruch hinaus. Ich stimme meine Atmung auf ihre ab, meine Brust wird ihr Echo, meine Lunge folgt ihr durch den Raum. Sie telefoniert, singt zu Songs aus dem Radio, tanzt vielleicht ein bisschen, bewegt den Kopf wie die Hühner im Hof, wenn sie picken. Wenn sie isst, fallen um sie herum Krümel auf den Boden wie Konfetti. Sie tastet nach Dingen, um sich zu vergewissern, sie zählt Kacheln und ihre Schritte beim Gehen.

Meine Freundin geht sehr gern ins Kino. Wir sitzen auf der Kuschelbank ohne Armlehne, halten uns bei den Händen, kauen Bonbons, trinken Brause und lachen so laut wie die anderen. Wenn der Film vorbei ist, gehen wir schnell zu den Toiletten und hören, was die Leute erzählen. Um sich ein besseres Bild zu machen, wie sie sagt. Es ist leichter herauszufinden, was sie davon hält. Auf dem Nachhauseweg will sie dann, dass ich den Film nochmal erzähle, Szene für Szene, mit allen Details. Die Schauspieler, ihre Gesichter, die Szenen, in denen nicht gesprochen wird. Vor allem die. Durch sie habe ich gelernt, Filme so zu anzuschauen, als hinge mein Leben davon ab. Als wir die ersten Male zusammen ausgingen, scheute ich keine Mühen – ich nahm einen Notizblock mit und schrieb alles auf. Dann rekonstruierte ich den Film mit peinlicher Genauigkeit, wie ein Paläontologe das Skelett eines Dinosauriers zusammensetzt. Das machte sie total an – wir liebten uns die ganze Nacht – und zum Frühstück servierte ich ihr die Geschichte noch einmal.

In letzter Zeit finde ich es aber viel aufregender, mir Sachen auszudenken. Ich verdrehe die Geschichte, lasse sie an anderen Orten und in anderen Zeiten spielen, vertausche die Beziehungen der Figuren, mache sie furchtbar rattig oder platonisch, polygam oder inzestuös. Vielleicht denken einige, das ist ja wie betrügen, aber so denken nur langweilige Leute, die einem immer erklären wollen, erfundene Geschichten hätten nichts mit Liebe zu tun. Sie allerdings scheint meine Erzählungen sehr zu mögen, seit ich so vom Leder ziehe. Sie möchte mir die ganze Nach lang zuhören. Und hat dafür weniger Lust auf Sex.

Vor mir hatte sie andere Freunde oder Freundinnen. Viele, alle möglichen. Sogar schwarze vielleicht. Oder Zwillinge, die sich abwechselten. Vielleicht waren einige der Mädchen auch Jungen. Ich habe Fotos gesehen, aber man kann nicht gut erkennen, wer oder was diese Leute sind. Sie sehen ziemlich gewöhnlich und gleichgültig aus: Soweit wir wissen, könnten es Lehrer, Nachbarn, Geschwister oder aus Zeitschriften ausgeschnittene Models sein. Sie wirken unbeteiligt und überhaupt nicht angespannt oder gestresst wegen des Fotos. Sie müssen sich für sie nicht schön machen. Oder vielleicht sind sie auch blind. Schwer zu sagen, wenn man sie nur als Foto sieht, ohne dass sie tanzen, essen oder laufen.

Ich weiß nicht, ob sie blind geboren wurde, ob es eine Krankheit war oder ob sie irgendeinen Unfall gehabt hatte. Sie hat es mir nie erklärt, und der richtige Augenblick zum Fragen ergab sich einfach nie. Und jetzt, nach vier Jahren, ist das Thema irgendwie durch, die Frage wäre wohl ziemlich unangebracht. Manchmal könnte ich schwören, dass ihre Augen früher einmal sehen konnten – wenn ich von Farben erzähle, zeigt mir ihr Mund, dass sie genau weiß, wovon ich rede. Wenn sie dann wieder Hühnertanz macht, bin ich keinen Schritt weiter.

Normalerweise verbringt meine Freundin die meiste Zeit zu Hause. Sie kocht gerne für uns. Sie kann mit der Nase sagen, wie lange das Essen schon auf dem Feuer ist. So ist das bei Behinderten – die anderen Sinne werden um so besser entwickelt. Als Gandhi bei einem dreizehnwöchigen Hungerstreik nach der halben Zeit anfing, in der Luft zu schweben, kamen die Leute und stellten ihm Fragen; woran sie gerade dachten etwa, oder was sie in den Taschen trugen. Bei Lebensmitteln wusste er immer genau, was es war. Meine Freundin ist auch so. Deswegen ziehe ich ihre Kleider an, schmiere mir ihre kalte Creme ins Gesicht und benutze ihre Zahnbürste, sollte ich mal wieder einen Tag statt im Büro in der Ecke am Fenster verbringen wollen.

Wenn die Leute erfahren, dass meine Freundin blind ist, fällt ihnen zunächst ein, was einem mit Blinden für wichtige Sachen fehlen – das sich tief in die Augen schauen, die heißen Blicke, die versteckten Anspielungen. Ich erzähle dann, dass wir diese Etappe sowieso übersprungen haben. Wir lernten uns auf einer Halloween-Party kennen, sie ging als Daredevil, einem blinden Comichelden, und ich spielte das Spiel mit. Am nächsten Tag, als ich neben ihr aufwachte und sie immer noch spielte, dachte ich mir, egal. Ihr fehlt ja kein Bein. Wir telefonierten ein paar Mal, ich gewöhnte mich an ihre Stimme. Wir gingen spazieren, dann in einige Konzerte, aber so richtig los ging es beim ersten Mal Kino. Drei Filme später waren wir zusammengezogen.

Obwohl sie blind ist, liebt es meine Freundin sich zum Ausgehen schick zu machen. Manchmal kommt es mir vor, als würde sie flirten, aber ich bin einfach paranoid, glaube ich. Meistens sind ihre Augen klar wie Quellwasser und bewegen sich nicht in ihren Höhlen, doch was weiß ich schon. Manchmal fragt sie mich, ob ich bei ihr bleiben würde, wenn sie gelähmt wäre, oder eine seltenen Tropenkrankheit hätte, bei der man immer schläft. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, woher die Lähmung oder die exotische Krankheit kommen sollten, sage ich immer ja, und meine es ernst. Meine Freundin sieht echt gut aus, ich würde auch bei ihr bleiben, wenn sie einen Arm oder ein Bein weniger hätte.

Neulich las ich die Geschichte eines Mannes, der zurück zum Glauben fand, nachdem ein Blinder ihn eine Kathedrale zeichnen ließ. Die Erzählung begeisterte mich, und ich dachte, wenn ich sie meiner Freundin vorlese, bringt das vielleicht unser Sexleben wieder in Schwung. Als wir ins Bett gingen, nahm ich das Buch, las ihr die Geschichte vor, langsam und sinnlich, und fragte dann, ob sie nicht auch wolle, dass ich ihr eine Kathedrale zeichne. Ich hielt einen Stift in der Hand und hatte auf meinem Schoß ein Stück dickes Papier zurechtgelegt.

Und meine Freundin, die lachte nur – lauter als ich sie jemals hatte lachen hören. Sie griff vorsichtig nach meiner Hand und zeichnete mit ihr eine Kathedrale, so perfekt, wie ich noch keine gesehen hatte.







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