Robin Yassin-Kassab - Schottland / Syrien

Der Bildschirm
Von Robin Yassin-Kassab, aus dem Englischen von Antje Kleine-Wiskott

Der Unterricht fiel aus. Stattdessen liefen wir die Straße zum Platz hinunter und begannen, Parolen zu rufen. Zu Anfang gingen die Lehrer noch vor uns her, doch bald schon trafen wir auf eine Gruppe ohne Lehrer, so dass wir sagen konnten, was wir wollten.

Ya Blair Ya haqeer
dumak min dum al-khanzeer

Blair, Blair, du Stück Dreck
Du bist dumm wie Schweinespeck

Es fiel mir schwer, die Worte auszusprechen, da ich so laut lachen musste. Muhannad drückte sich mit dem Finger die Nase platt und grunzte wie ein Schwein.

Ya Clinton Rooh Amreeka
Hal mushkiltak ma’ Moneeka

Clinton, Clinton, alte Sau
Hast ein Problem mit deiner Frau.

Der Spruch war der lustigste. Muhannad schrie mir den Witz von Clintons Zigarre und der jüdischen Frau ins Ohr. Das war vielleicht nicht ganz passend, denn neben mir lief ein Mädchen. Er erzählte ihn mir fast jeden Tag, aber heute war es lustiger, oder fühlte sich lustiger an, weil das große Mädchen da war und der Platz voller Menschen. Der Himmel war strahlend hell, trotz der vielen Wolken.

Immer mehr Menschen versammelten sich auf dem Platz. Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen aus den Ministerien und Banken, andere in Trainingsanzügen und Gellabiyas aus den Wohnungen hinter der Brücke schlossen sich an. Einige ältere Leute wirkten müde und lustlos. Manche schauten ängstlich, doch vielleicht schien das nur so. Die meisten schrien so laut wie wir. Sie waren wütend. Sie zählten die Namen aller arabischen Länder auf, die von den USA und Israel angegriffen worden waren – Palästina, Libanon, Syrien, Libyen, der Sudan und natürlich der Irak. Ich war ganz nass vom Schweiß anderer Leute.

Irgendwo brannte Feuer. Die Atmosphäre hatte sich verändert, und das nicht nur wegen des Rauchs. Alle warteten gespannt, was als nächstes passieren würde. Wir schauten so angestrengt, dass ich irgendwann Kopfschmerzen bekam. Wir schauten so lange, bis Dampf aus unseren Köpfen stieg.

Ich weiß nicht weshalb, doch plötzlich drängten wir weiter. Wie ein roter Fluss strömten wir die Straße hinauf, so entschlossen, dass die Erdanziehungskraft in Vergessenheit geriet, laut schreiend vorbei am Zeitungsstand und am Blumengeschäft, an zwei Restaurants, zwei Botschaftsgebäuden und dem Schriftstellerverband. Von den meist cremefarbenen Wohnungsblöcken aus jubelten uns von den Balkonen Kinder und alte Damen zu, doch ich konnte nicht winken und nicht zu ihnen hochschauen, da ich unermüdlich weiterlief.

Am britischen Gebäude gab es Stromschnellen. Dann wurde der Fluss träger und floss langsamer, an den Ufern bildeten sich Ausläufer und Hochwasserflächen. Das Hochwasser brandete gegen den Eingang des Gebäudes und schwappte wieder zurück auf die Straße. Ich stand genau gegenüber auf der anderen Gehwegseite, dicht an die Menschen um mich herum gedrängt, um nicht zu straucheln. Ich überragte die meisten anderen. Braune Haare, schwarze Haare, helle und dunkle Kopftücher. Eine ganze Weile lang riefen wir unsere Parolen. Meine Stimme war schon müde, doch ich spürte noch so viel Energie in mir, die heraus musste, ich wollte einfach nicht aufhören, ich wollte schreien, bis die Straße zusammenbrach und die Vögel vom Himmel fielen. Ich dachte an die Leute im Irak, an ihr Schreien, wenn die Häuser über ihnen zusammenkrachten.

Dann ging die Tür der Briten auf, eine arabische Frau kam heraus und sagte etwas. Ihr langes Haar bedeckte den ganzen Rücken und glänzte wie ein Pferdeschweif, obwohl die Sonne hinter den Wolken versteckt war. Ihr Gesicht verschwand kurz hinter der Tür. Im nächsten Moment traten die britischen Männer und Frauen mit roten Köpfen heraus, liefen einer nach dem anderen die Treppe hinunter und verschwanden. Einige lächelten. Die Menschenmenge trat auseinander und machte ihnen Platz. Plötzlich waren wir alle still – ich weiß nicht warum. In der Ferne hörte ich Autos und den Wind.

Die Tür war zu. Ein Mann in Lederjacke stieß sie mit dem Fuß wieder auf. Er rannte durch die Tür. Zuerst schauten wir nur zu. Die meisten Leute schauten nur zu, doch dann drückten uns die Menschenmassen in das Gebäude hinein, durch die Tür, die eng wie eine Kehle war. Danach war es, als würden unsere Fäuste und Füße nicht mehr jedem einzelnen gehören, sondern uns allen zusammen. Es spielte keine Rolle mehr, wer zuschlug oder trat. Wir schlugen auf die Wände ein, bis der Putz herunterbröckelte. Wir traten gegen Stühle und Fenster und Aktenordner und Schränke, bis alles in der Luft durcheinanderwirbelte. Der Lärm dröhnte in meinen Ohren.

Es war alles ein wenig wie in einem Traum, oder im Fernsehen. Nur, dass wir hier auf dem Bildschirm zu sehen waren, dass wir uns verhielten, als ob wir immer davon geträumt hätten, in einem Film mitzuspielen. Ich war es, nicht wir. Ich tat dies. Ich brüllte und lachte dabei und als ich Muhannad sah, weinte er. Auch er tat, was ich tat.

Ich sah kräftige Männer mit Hämmern unter ihren Lederjacken. Sie trugen alle die gleiche Art Jacke. Sie holten die Hämmer heraus und schwangen sie gegen die Empfangstheke, bis sie vollkommen kaputt war. Im Badezimmer schlugen sie Toiletten und Waschbecken in tausend Stücke. Sie kannten sich aus mit Hämmern, waren ruhig, präzise und unerschütterlich.

Normalerweise lese ich zum Üben englische Wörter, wo immer sich die Gelegenheit bietet, doch bisher hatte ich im ganzen Gebäude noch kein einziges intaktes Wort gefunden. Im letzten Raum fand ich ein gerahmtes Schild, das Glas war kaputt, doch die Worte hingen noch zusammen. „Making Friends for Britain“, stand darauf. Ich verstand den Spruch und trat dagegen. Das Schild fiel in einen Haufen Metallstangen, die wie ein Igel aussahen, doch ursprünglich einmal Stühle gewesen waren. Ich griff hinein, um nach dem Schild zu wühlen, doch kam nicht weit genug, da die Stangen mir fast die Brust durchbohrten.

Als ich mich umdrehte, war ich allein. In dem Moment, wurde es in meinen Ohren still.
Ich rief Muhannad. Meine Stimme hatte kein Echo. Ich stolperte durch die von Schutt bedeckten Räume und lief hinaus auf die Straße. Der Menschenstrom war verschwunden. Das einzige, was ich noch sah, war Treibholz.

Ich stand auf dem Bürgersteig und träumte vor mich hin, als plötzlich ein Mercedes anhielt. Ich weiß nicht, wie er dorthin gekommen war, denn Anfang und Ende der Straße waren von brennenden Barrikaden blockiert. Der Mercedes hielt direkt neben dem Gehweg und der Motor heulte auf. Ich konnte den Fahrer erst sehen, als er die getönte Fensterscheibe herunterließ. Ich sah einen Mann mit einem riesigen, schiefen Kinn und einer Sonnenbrille.

„Es ist vorbei“, sagte er zu mir. „Geh nach Hause. Weg von der Straße.“

Ich wollte nicht nach Hause gehen. Wie konnte jetzt überhaupt jemand nach Hause gehen? Der Mann starrte mich an, und so trabte ich los. Doch während ich lief, dachte ich, wenn wir soviel geschafft haben, könnten wir auch mehr erreichen. Ich weiß nicht genau was. Wir waren so stark, ich spürte, dass wir etwas verändern konnten. Nur, dass es jetzt kein wir mehr gab, sondern nur noch den Mann im Auto und mich. Ich lief die Straße hinunter, die wir alle hochgerannt waren. Die Balkone waren jetzt leer.

Als ich nach Hause kam, kochte meine Mutter Linsen. Kaum sah sie mich, fing sie an zu schreien. Erst schlug sie sich selbst auf die Wange, dann mir auf die Schulter. Sie vergaß dabei völlig ihr kochendes Essen. Der Deckel klapperte auf dem Kochtopf und braunes Wasser spritzte auf die zischende Herdplatte. Sie hörte nicht auf zu schreien. Der Geruch von Wut verbreitete sich in der ganzen Küche. Es roch wie im Dschungel.

Mein Vater lachte und hob den Arm, um Mamas Ängste zu verscheuchen.

„Er war eingeladen. Er musste dorthin gehen. Mit Einladung hatte er nichts zu befürchten.“

Er bat mich, mich mit ihm an den Tisch zu setzen und schenkte mir einen Tee ein. Er sagte, die Stadt hätte ihn heute an die sechziger Jahre erinnert, die Massen auf den Straßen und die ganze Aufregung. Er selbst sei damals politisch gewesen, doch später habe er es aufgegeben. Er meinte, damals hätte er die Politik mehr geliebt als uns.

Mama und Papa redeten eine Weile, und ich dachte zurück an die Ereignisse des Tages. Dann erhob Papa seine Stimme.

„Wenn sie wollen, dass wir unsere Wut rauslassen, dann gehen wir doch zur Grenze.“

Meine Mutter schaute ihn an, als ob er ein Geheimnis verraten hätte. „Sei still, Kareem“, sagte sie.

Da meine Mutter darauf bestand, wusch ich mir Rauch und Schweiß ab. Ich hatte Blut an den Knöcheln und inzwischen schmerzten sie auch. Nach dem Essen verfolgten wir im Fernsehen die Nachrichtenberichte über die Demonstration. An der US-Botschaft war ein Mann auf die Mauer und dann auf den Turm geklettert und hatte die amerikanische Fahne heruntergerissen. Sowohl die Menschenmassen unter ihm als auch wir auf unserem Sofa jubelten ihm zu. Er trug die gleiche Lederjacke wie die Männer mit den Hämmern.

Dann schaltete mein Vater den Bildschirm aus.







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