Yekta Kopan - Türkei

Die Brüsseler Kühe
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier


„Die Kinder legen sich drunter und tun so, als würden sie an den Zitzen saugen, und lachen sich kaputt, dann schimpft meine Frau, aber ich sage, lass sie doch, sollen die Kinder sich amüsieren, wozu wären die Kühe sonst gut?“

Er streckt die Hand nach seinem Zigarettenpäckchen aus, hält aber dann inne, denn sichtlich ist ihm noch etwas eingefallen. „Sie schimpft ja nicht einfach so, sie will bloß nicht, dass jemand meckert. Die Belgier sind gemütliche Menschen, aber trotzdem, man ist halt im Ausland. Mir ist es egal, ich fotografiere sie immer.“ Er kneift ein Auge zusammen und drückt auf den Auslöser eines imaginären Fotoapparats.

„Die sind beileibe nicht klein, richtig Kuhgröße haben sie, und bemalt sind sie auch noch. Mal ist eine Weltkarte drauf, mal ein Teller voller Essen, oder sie haben einen Affen- oder einen Schweinskopf, die Armen.“ Als ein Auto scharf bremst, zuckt er zusammen und sieht zur Straße.

„Zuletzt waren wir vor drei Jahren dort, da hat sich mein Schwager operieren lassen, und sie haben uns schon damals das Geld für die Tickets geschickt.“ Er beugt sich vor und wischt sich einen Fussel vom Hosenbein. „Da waren die Kühe noch nicht da.“ Beim letzten Schluck Tee huscht ein Grinsen über sein Gesicht. „Wenn ich das erzähle, nörgelt meine Frau immer. Du redest bloß immer von den Kühen, sagt sie, als ob wir nichts anderes gesehen hätten, na, sie hat ja Recht, aber sie gefallen mir halt, die Mistviecher.“ Er sieht zum Kellner, tut mit dem Zeigefinger, als rührte er im Teeglas: „Noch mal zwei.“

„Sogar direkt vor dem Königsschloss haben sie eine aufgestellt“, sagt er, als der Tee serviert wird, „mit einer Krone auf dem Kopf und einem Stab mit einem Kreuz drauf, ein richtiges Kuhvieh.“ Er wirft die andere Hälfte des Zuckerwürfels, den er vorhin entzweigebrochen hat, in den Tee und rührt um. „Aber der König dort scheint ein feiner Mensch zu sein, der hat gar nichts gesagt, dass sie aus einer Kuh einen König gemacht haben.“ Mit der Hand verscheucht er eine Fliege von der rotweißkarierten Untertasse. „Also, wenn bei uns einer vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten eine Kuh mit Krawatte aufstellt, den spießen sie doch gleich auf die Kuhhörner, und zwar ...“ Er verstummt. In der rötlichbraunen Flüssigkeit in dem schlanken Teeglas treibt weiter das Sonnenlicht sein Spiel.

„Na, ich rede hier und rede und lass dich gar nicht zu Wort kommen, entschuldige schon. Erzähl doch mal, was so passiert ist, während wir weg waren“, sagt er. Ich muss schlucken. Auf dem Tisch, auf dem er ein anderes Land ausgebreitet hat, ist für die Berge in mir drinnen kein Platz mehr. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er erzählt so glückselig und lebt so genussvoll, dass ich ihn anstarre wie einen vorbeifahrenden Zug.







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